Keine guten Aussichten: Weniger Organspender als im Vorjahr

(November 2022) Verglichen mit 2021 ist die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland im Zeit­raum von Januar bis Oktober dieses Jahres um 8,4 Prozent zurückgegangen. Das gab Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), heute bekannt.

Insgesamt sei die Situation sehr besorgniserregend, sagte er. Im Rahmen der 18. Jahrestagung der DSO gab Rah­mel einen Überblick über die aktuelle Situation in Deutschland. In den Monaten Januar bis Oktober habe es 710 postmortale Organspender gegeben, 2021 waren es 775. 
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Wenn Aufklärung nicht zum vernünftigen Handeln bewegt: Der Mangel an Organspendern ist dramatisch

(19.07.2022) Anfang 2022 war die Zahl der Organspenderinnen und -spender in Deutschland um ein Drittel eingebrochen. Bis jetzt hat sich die Situation kaum gebessert. Dabei trat am 1. März ein neues Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende in Kraft. Doch das Projekt der letzten Bundesregierung stockt und hat Mängel. Bürgerinnen und Bürger müssen selbst aktiv werden.
Die kritische Bestandsaufnahme der derzeit geltenden Regelungen und Situation in Deutschland regt zum Nachdenken an.

Wenn Herz und Niere weiterleben

Organspende in Deutschland

Mehr als 9000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jeder zehnte stirbt bevor er eins erhält. In Ländern, in denen die Widerspruchslösung gilt, gibt es deutlich mehr Organspenden. So oder so ist es ein schwieriger Prozess.

Erst vor wenigen Wochen hat Marita Donauer einen Brief bekommen – von der Deutschen Stiftung Organtransplantation, 15 Jahre nach dem Tod ihres Bruders.

„Bis auf Herz und Lunge leben alle Organe noch, also die beiden Nieren, die Bauchspeicheldrüse, die Leber. Von den Augenhornhäuten weiß ich nichts, aber da nehme ich auch an, dass das alles noch funktionstüchtig ist. Und das ist ein Riesentrost und eine ganz große Freude.“

Nach einem Gehirnaneurysma des damals 46-Jährigen hatte Marita Donauer gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und seiner Exfrau entschieden, die Organe des Bruders zur Transplantation freizugeben. Einen Organspendeausweis hatte er nicht, aber alle drei kannten ihn gut und waren sich sicher, in seinem Sinne zu handeln.

„Wir hatten ein Gespräch mit dem Oberarzt der Station, auf der mein Bruder lag, und der hat dann halt angefangen und alle Organe einzeln aufgezählt: linke Niere, rechte Niere,... und da habe ich gleich gesagt, stopp, stopp, das mag ich gar nicht hören, nehmen sie einfach alles, was noch gut funktioniert, und was einem anderen Menschen jetzt ein gutes Weiterleben ermöglicht.“

Meist müssen die Angehörigen entscheiden

Keine Selbstverständlichkeit, sagt Kati Jordan. Die Oberärztin ist Transplantationsbeauftragte im Vivantes Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Berlin; und damit die Schnittstelle zwischen der Klinik als einer von 1500 deutschen Entnahmekliniken für Transplantationen und der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Jordan führt Gespräche mit Angehörigen von potenziellen Spendern. Dafür wurde sie speziell ausgebildet.

„Da liegt ein Körper an Maschinen, der aussieht als würde er gleich die Augen aufschlagen, der ist rosig unter Umständen, am Monitor schlägt das Herz und man kann natürlich denken, das kann alles gar nicht sein, was sie mir hier sagen. Man muss den Angehörigen begreiflich machen, dieser Mensch ist trotzdem tot. Und wir sind uns sicher. Es gibt keinen Zweifel.“

Meist müssen die Angehörigen entscheiden. Laut Umfragen sind 85 Prozent der Deutschen bereit, nach dem Tod Organe zu spenden, aber nur 40 Prozent haben diese Bereitschaft in einem Organspendeausweis dokumentiert. Mehr als 9000 Patienten stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Jeder zehnte stirbt bevor er eins erhält.

Zahl der Spenden während der Pandemie stabil

Immerhin ist die Zahl der Spenden während der Coronapandemie annährend stabil geblieben, in Ungarn oder den Niederlanden wegen Überlastung der Krankenhäuser deutlich gesunken. Kati Jordan kämpft für jedes einzelne Organ, das Leben retten kann – trotz schwieriger Corona-Bedingungen.

„Also die Spenderin, an die ich mich erinnere in diesem Jahr, und die Angehörige war die Mama dieser Patientin, der wir natürlich ermöglicht haben – und das war ihr auch extrem wichtig – ihre Tochter sehen zu können während des Prozesses. Mit der habe ich viele Gespräche geführt, viele am Telefon tatsächlich auch, aber auch viele im Gegenüber, soweit es eben ging, mit Abstand, mit Maske. Ja, wenn die Tränen fallen in die FFP-Maske und es bricht einem das Herz, dass diese Frau nicht einfach die Tränen fließen lassen kann und man sie nicht in den Arm nehmen kann, das war schon nochmal herausfordernder und schwieriger.“

Lebendspende nicht ohne Probleme

Coronaregeln und Arbeitsbelastung führten dazu, dass viele geeignete Spender nicht erkannt, nicht getestet und nicht gemeldet werden, meint die nierentransplantierte Bettina Lange. Sie hat nach Jahren der Dialyse und des Wartens auf der Transplantationsliste eine Nierenspende von ihrem Ehemann bekommen.

„Und seitdem geht es mir gut, man braucht wirklich ein bis zwei Jahre bis man wieder auf einem gesunden Stand ist. Mein Mann hat aber leider dieses Fatigue-Syndrom, was auch etliche Spender haben, dieses Erschöpfungssyndrom, so dass er morgens zum Beispiel gar nicht in Tritt kommt.“

Obwohl ihr Mann beteuert, dass er den Schritt jederzeit wieder machen würde, sei die bei Nieren mögliche Lebendspende nicht der Ausweg für Nierenkranke, meint Bettina Lange. 2000 Nieren werden jährlich in Deutschland transplantiert, davon etwa 500 nach einer Lebendorganspende.

„Die Lebendspende ist natürlich diese Geschichte, dass man im Endeffekt zwei Patienten hat. Denn auch die Lebendspende hinterlässt ja bei dem Spender irgendwann Bluthochdruck, kann passieren, dass er auch irgendwann an die Dialyse muss, also es ist jetzt nicht so ganz ohne.“

Widerspruchs- statt Einwilligungslösung gefordert

Besser sei es, das Verfahren in Deutschland zu ändern, meint die Transplantationsbeauftragte Kati Jordan. Sie favorisiert – statt der in Deutschland geltenden Einwilligungslösung – die sogenannte Widerspruchslösung. Danach wäre jeder ein möglicher Organspender, außer er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In den meisten europäischen Ländern werde das genau so gehandhabt, erklärte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach Anfang des vergangenen Jahres vehement im Bundestag.

„Die Länder, die das gemacht haben, da sind die Spenderzahlen hochgegangen, zum Beispiel in Schweden. Als die Widerspruchslösung eingeführt wurde, hat sich dort die Spenderzahl verdoppelt. Warum ist das so? Weil wir einfach zu viele haben, die bereit sind zu spenden, die aber nicht zum Spender werden, weil die Angehörigen und die Ärzte in der Situation des Hirntods überfordert sind, diese Entscheidung für den Verstorbenen zu treffen, Mehr als die Hälfte stimme dann nicht zu, das ist das eigentliche Problem.“

Die Widerspruchslösung scheiterte in der Abstimmung deutlich. Unter anderem die Grüne Annalena Baerbock hatte sich dagegen ausgesprochen.

„Gerade, weil wir in unserer Verfassung – aus guten Gründen, mit Blick auf unsere deutsche Geschichte – verankert haben, dass man ein Recht auf die Unversehrtheit des eigenen Körpers hat, gerade deswegen können wir nicht einfach mal so eine schnelle Lösung über den Tisch bringen. Und gerade wenn wir wollen, dass wir zu mehr Organspenden kommen, dann müssen wir das im Lichte dieser Geschichte und dieser Verfassung auch prüfen.“

Besonders strenge Regeln in Deutschland

Die Abgeordneten einigten sich auf einen Gesetzentwurf „zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft“, der im März kommenden Jahres in Kraft treten soll. Danach soll man künftig die Organspendebereitschaft auch im Bürgerarmt erklären können, Hausärzte sollen ihre Patienten alle zwei Jahre zu dem Thema beraten und in einem Online-Register könnte die Erklärung einfach dokumentiert und jederzeit geändert werden können.

Für die Organspende gelten in Deutschland besonders strenge Regeln. Hier darf ein Organ erst nach dem Hirntod entnommen werden – in Spanien bereits nach dem Herztod. Das hat neben der Widerspruchslösung dort zu mehr Organspenden geführt. Im vergangenen Jahr stammte rund ein Drittel der Organe in Spanien von herztoten Spendern. Ein neuer Änderungsvorstoß für die Organspende ist in Deutschland allerdings nicht in Sicht. Im Koalitionsvertrag taucht das Thema nicht auf.

Quelle: DeutschlandfunkKultur

Größere Überlebens­chancen in Kliniken mit vielen Nierentrans­plantationen

In Zentren mit vielen Nierentransplantationen sind die Überlebenschancen der Patienten im ersten Jahr nach dem Eingriff höher als in Kliniken mit geringeren Fallzah­len. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge­sund­heitswesen (IQWiG) in einem neuen Rapid Report, den der Gemeinsame Bundesaus­schuss (G-BA) in Auftrag gegeben hat. Einen Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und der Zielgröße „Transplantat­versagen“ fanden die IQWiG-Wissenschaftler aber nicht.

Die Studie ist im Mai 2020 erschienen und kann hier downgeloaded werden.

Organspende und Nächstenliebe

Wolfgang Dorp ist Pfarrer im Ruhestand. Vor drei Jahren bekam der 68-Jährige eine neue Niere transplantiert, nach Jahren an der Dialyse. Seitdem feiert er jedes Jahr zweimal Geburtstag. Herr Dorp ist Mitglied in der IGN und Patientenbegleiter.  Zum Tag der Organspende hat er der Evangelischen Kirch im Rheinland - EKiR ein Interview gegeben. Dieses können Sie hier nachlesen.